Dann bist du also ein Heide,
klangen mir die Worte des Mitschülers im Ohr,
während ich, ungetauft und unbeschenkt,
als andere Konfirmation feierten,
den Stolz in mir hegte, christlicher Bildung entronnen zu sein
und niemals, niemals deutsche Lieder singen
oder Gesellschaftstänze lernen zu wollen.

Doch nun singe ich seit vier Wochen
in der Bahrenfelder Paul-Gerhardt-Kirche
meine eigenen Strophen,
in dieser meiner Muttersprache
ganz allein vor Gott und
wiege mich dabei im Walzerschritt.

Ich feiere eine tief vertraute Erinnerung,
die mich an einem Maimorgen anwehte,
als ein sehr alter Mann
aus der Nachbarschaft
oben an der geöffneten Tür
zu unserem Fahrradkeller vorbei ging
und ein Lied anstimmte:

Geh` aus mein Herz und suche Freud`,
tönte es hell und klar und
schien mir doch nicht ungebrochen,
eher wie ein Kommentar zu meinen
jugendlichen Ausflugsgelüsten,
vielleicht weil ich ihn einmal
vor Jahren an einem Sommertag
in der Fußgängerzone sitzen gesehen
und auf dem entblößten Unterarm eine
eintätowierte Erkennungsnummer entdeckt hatte.

Heute lese ich, nicht nur die Wanderlustigen der
zwanziger und dreißiger Jahre, auch
die Jugendorganisationen der Nazis
hätten dieses Lied in ihrem Repertoire gehabt.

Und ich beginne zu ahnen,
warum ich so viele Jahre keine Lieder hatte
und bis vor Kurzem am liebsten nur
auf Griechisch oder auf Ladino sang.

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Abgesehen von ein paar Naturgesetzen ist nichts mehr wie vor 70 Jahren. So scheint es jedenfalls in der Welt der Fischer auf der einstigen Hamburger Elbinsel Finkenwerder. Bernd Hans Martens hat diese Entwicklung am eigenen Leibe erfahren. Mit seinem neuen Roman „Löcher im Netz“ nähert er sich nun der eigenen Lebensgeschichte an. Herausgekommen ist eine außerordentlich kenntnisreiche und weltkluge Erzählung über das Leben am Strom.

Die Geschichte beginnt in den frühen 50ger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Ihre Hauptfigur, Jörn, ist Sprössling einer Fischerfamilie. Über knapp 200 Seiten beschreibt Martens, wie sich der schüchterne Junge zum Mann, liebenden Vater und Partner entwickelt, bis er schließlich in der Gegenwart ankommt, einer Gegenwart, in der antrainierte Härte und scheinbare Lockerheit nach und nach einer anderen Haltung platz machen. Mit den Jahren wächst in ihm die Erkenntnis, wie wichtig es für uns Menschen ist, einander der gegenseitigen Liebe zu versichern.

Was oberflächlich wie eine durchschnittliche Lebensgeschichte im Umfeld von Schifffahrt und Industrie daherkommt, zeigt sich auf den zweiten Blick als Entwicklungsroman. In seinem Mittelpunkt steht das Ringen Jörns mit einer Kette prägender Verluste und Enttäuschungen. Sie erstreckt sich vom frühen Tod der Mutter über den Verrat des Vaters, der keine Schwäche duldet, bis hin zu frühen, eher zufälligen Liebesbeziehungen, die stets von den Frauen beendet werden. Erst mit seiner späteren Frau Mascha gelingt es Jörn, eine dauerhafte, vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Mascha wird allerdings von depressiven Episoden heimgesucht, getrieben von der Furcht, ihn, Jörn zu verlieren. Sie verfällt für Stunden und Tage in eine völlige Bewegungslosigkeit. Das ist ihre Art, mit dem Thema Verlust umzugehen: Sie entzieht sich der Welt. Doch Jörn hilft ihr regelmäßig zurück unter die Menschen, indem er ihr Geschichten erzählt, Geschichten von seiner Insel. Besonders wirkmächtig scheinen dabei die Erzählungen über seinen schelmenhaften frühen Freund Hosse Rottgardt zu sein.

An den Anfang stellt Martens das vieldeutige Motto „Die Welt ist der Kompass, die Nadel bist du selbst.“ Während sein früher Gedichtband „Ich schrupp von unten“ noch mit klaren politischen Botschaften aufwartet, ist der Leser des neuen Romans aufgefordert, die Kompass-Chiffre während der Lektüre selbst zu entschlüsseln. Nur soviel vorab: Der Mensch kann die Richtung selbst vorgeben, soweit es ihm gelingt, die umgebenden Magnetfelder zu beeinflussen. Für Jörn sind die Magnete einerseits die Frauen, anderseits die Arbeit als Ingenieur. Beruflich beschäftigt er sich mit der Konstruktion von Kesselanlagen, einer Technik, die große Kenntnisse der Thermodynamik und sorgfältige Berechnungen voraussetzt, um Sicherheits- und Umweltrisiken zu beherrschen. Unter dem Wettbewerbsdruck lässt sich Jörn von seinem Chef dazu drängen, bei der Entwicklung einer Anlage für die Petrochemie unnötig hohe Stickoxidemissionen in Kauf zu nehmen. Er belügt sogar seine spätere Frau, als diese ihn drängt, diesen Job trotz der beruflichen Konsequenzen abzulehnen.

Die Lüge bleibt bis zum Ende der Geschichte unaufgeklärt. Die Nadel kann sich nicht entscheiden und schwankt zwischen der geliebten Frau und dem zweifelhaften beruflichen Erfolg mit hohen Temperaturen und Drücken. Jörn hat sich arrangiert. Maschas Kinderwunsch als Option auf Glück wird durch eine Adoption erfüllt, als sich herausstellt, dass Jörn zeugungsunfähig ist. Gemeinsam machen sie eine eine schöne, aufregende Segeltour mit Säugling. Jörn arbeitet als moderner Vater in Teilzeit weiterhin im Konstruktionsbüro und baut Hochdruckkessel für Tanker. Das Netz hat also weiter seine Lücken. Das ist keine Schwäche des Romans, sondern ein gutes Abbild des postmodernen Daseins. Es bleibt zu hoffen, dass die Psychotherapeutin, die das Paar inzwischen aufsucht, ihnen helfen wird, diese und andere Belastungen besser in den Griff zu bekommen.

Der Titel lässt sich aber auch so lesen: Die Löcher in den Netzen müssen sein, um literarischen Beifang zu schonen und die große Leselust zwischen die Buchdeckel zu hieven.

Bernd Hans Martens.
Löcher im Netz.
Roman.

Achter Verlag, Weinheim 2018

Ein junger Mann, nein mehrere,
beauftragen mich, ihnen
beim Ordnen der Hinterlassenschaft
ihrer Schwester, Frau, Freundin zu helfen.

Ich nehme ein Porträtfoto in die Hand,
Mir scheint, ich habe sie wohl beiläufig gekannt.
Eine Kommilitonin vielleicht.

Eine der Sachen, die ich zu ordnen habe,
ist sie selbst, oder besser: ihr Leichnam.

Um ihn wegzuräumen, lege ich ihn mir
auf den Rücken. Unser beider
Schulterblätter schmiegen sich aneinander.
Die Tote, vollkommen entspannt, passt sich
meinen Bewegungen widerstandslos an.

Nun kommen Gäste. Ich stelle mich ihnen vor,
sage meinen Namen, einmal, zweimal, dreimal.
Eine Frau kommt direkt auf mich zu.

Als ich „Björg Volquardsen“ zu ihr sage,
erkenne ich die Verstorbene.

Ich öffne meine Arme und, als wir uns berühren,
fließen wir ineinander über. Ich bin bereit,
bereit, sie mit allen Konsequenzen in mir aufzunehmen,
und gehe dabei in etwas anderes über.

Jetzt trage ich sie in mir, sie lebt
zwischen all den ungeschriebenen Zeilen,
von denen ich gerade eine vollenden will.

 

 

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