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Lyrik

Schau du nur aufs Meer hinaus,
blick selig in die bootbetupfte Weite.
Ahnst du nicht die Enge dieses Orts?

Wenn du deinen Kopf zur Seite wendest,
siehst du einen schmalen, schrägen Korridor
zwischen dem Gewässer
und irgendeinem fremden Eigentum.

Zutritt weder rechts noch links.
Bleibt dir etwas anderes noch,
als stehen zu bleiben hier
oder diesen Weg entlang zu gehen?

Am Kliff von Damser Ort zum Beispiel:
Scholle unterm Pflug bis an die Kante aufgerissen,
seewärts abgeschirmt durch einen grünen Saum.

Hier turnst du zwischen Gräsern, Schlehdorn
und Marillen, seitab gleich Geschiebe und Geröll,
bereit, bei einem leichten Stoß hinab zu kullern.

Unterm Abbruch haufenweise Flintstein
sanft umströmt von Kieselsäure für Millionen Jahre,
aus fossilem Kern heraus gewachsen, aber
immer noch ein Jungspund neben Feldspat,
Gneis und Glimmer. Dabei doch
genau wie diese alten Brocken
in der Brandung schon ein bisschen anpoliert.

Kurz nur kannst du von hier oben
zusehen, was aus ihnen wird.
Keines Menschen Lebensspanne reicht so weit
und überm Abgrund reizt die Augen Sturm zu Tränen.

Verschwommen segeln Surfer unterm Drachen.
Winkt einer nach gestandener Landung stolz,
grüßt du zurück – generöser als dir zukommt
aus der Höhe deines kleinen Jetzt.

Wie groß ist dessen Dauer? Wie lange
brauchen Botenstoffe, bis Synapsen schießen?

Spürst du den Stein, auf den du trittst,
ist der Reflex schon ausgelöst,
dein Knie inzwischen angewinkelt,
schwebst mit der Zeit du
auf dem Weg nach unten
auf dem anderen Beine balancierend
kommt ein Gedanke dir, kommt
und geht schon wieder fort.

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Und jetzt? Jetzt warte ich,
warte noch ein bisschen,
harre der Dinge, bevor noch
die Zeit davonhoppeln kann,

male öde Ösen, Haken, Flecken,
was so kommt: Glast und
gleißende Schwaden,
Myrtenduft und Fadenqualm,

lasse Lichter erklingen und
stoppe Sekunden, halt, halt,
halt keine wie die andere,
Tausendschönchen, Bellis Perennis,

übergehe, hopsa, Synkopen,
flugs niedergeschrieben,
immer tiefer runter, Zeile für Zeile,
versiert im Ansinnen der Ewigkeit.

Für Michael Krüger

Was uns der Dichter ins Kondolenzbuch schreibt,
wird das Weiterleben kaum leichter machen
im Garten am See ebenso wenig wie hier am Strom.

Das Geheimnis dieser Landschaft ist längst aufgeflogen.
Silberreiher, Kormoran oder Nonnengans,
alle haben zwei Stimmorgane, aber sie singen nicht.

Die Seehunde zwischen den Wellen offenbaren sich als Gänsesäger
und eine feine weiße Feder auf meiner Schulter wispert,
ich stamme ab von dem Kadaver dort am Spülsaum.

Aufgedeckt auch das Komplott der Stille.
Offenkundig schwimmt sie nun unter jenem fernen Baggerschiff,
das sich im Ebbstrom durch die Sohle wühlt.

Mit Kennermiene quere ich das Deichprofil,
prüfe die Arbeit der Mineure in der Krone,
die Festigkeit der Steinpackung und die Erosion des Auwalds.

Kurzer Blick zum Kleinen Kohn. Dieser dumme Spottname
aus der Kaiserzeit ist an dem winzigen Leuchtturm
hängen geblieben. Ich gehe nicht mehr hin,

– Vogelschutzgebiet – und sammle auch kein Treibgut mehr.
Die Kamera bleibt aus, der Adler ein unbestimmtes Brett in der Luft,
das Gänse jagt, und der Tiefpunkt der Tide minutenlang ungewiss.

Eine Schauerwolke zieht von Süden auf, trotzdem warte ich,
bleibe stehen, bis ein Frachter die schmale Passage erreicht,
und schaue zu, wie sein Schwell das Watt überflutet.