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Lyrik

Wer sagt, die Blumen hätten keine Augen
zu schauen den Tau im Morgenlicht,
ihre Köpfchen, sanft sich öffnend, füreinander kein Gesicht,

der sagt, dass wir nicht wirklich taugen
für die Liebe ohne Sternenzacken in der Brust
und diese sich aus Luftnot hebt nur oder allenfalls aus Lust

Ach nein, in uns wir wissen´s nicht genau, genau

Wer meint, er könne ewig weiter leben
und schweben fort in ungeahnte Weiten,
mit roten Bäckchen engelsgleich der Welt entgleiten,

der glaubt vielleicht auch, allem Streben
lasse sich entweichen auf ´ne fremde Umlaufbahn
und diese sei ein Ort der Freiheit, ohne Zwang und Wahn

Ach nein, in uns wir wissen´s nicht genau, genau

Wer denkt, ich stünde nicht zu meiner Liebsten,
wenn heute abend mich der Eifer wieder packt,
ins Licht zu treten, bis ins Kleinste sichtbar, nackt,

der sieht nicht, wie ich glühe dort im Tiefsten
für eine Liebe, die ganz ohne Drama sich verschenkt
und zum Abschied dereinst zart ein weißes Tüchlein schwenkt

Ach ja, in mir ich weiß es doch genau, genau

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Dann bist du also ein Heide,
klangen mir die Worte des Mitschülers im Ohr,
während ich, ungetauft und unbeschenkt,
als andere Konfirmation feierten,
den Stolz in mir hegte, christlicher Bildung entronnen zu sein
und niemals, niemals deutsche Lieder singen
oder Gesellschaftstänze lernen zu wollen.

Doch nun singe ich seit vier Wochen
in der Bahrenfelder Paul-Gerhardt-Kirche
meine eigenen Strophen,
in dieser meiner Muttersprache
ganz allein vor Gott und
wiege mich dabei im Walzerschritt.

Ich feiere eine tief vertraute Erinnerung,
die mich an einem Maimorgen anwehte,
als ein sehr alter Mann
aus der Nachbarschaft
oben an der geöffneten Tür
zu unserem Fahrradkeller vorbei ging
und ein Lied anstimmte:

Geh` aus mein Herz und suche Freud`,
tönte es hell und klar und
schien mir doch nicht ungebrochen,
eher wie ein Kommentar zu meinen
jugendlichen Ausflugsgelüsten,
vielleicht weil ich ihn einmal
vor Jahren an einem Sommertag
in der Fußgängerzone sitzen gesehen
und auf dem entblößten Unterarm eine
eintätowierte Erkennungsnummer entdeckt hatte.

Heute lese ich, nicht nur die Wanderlustigen der
zwanziger und dreißiger Jahre, auch
die Jugendorganisationen der Nazis
hätten dieses Lied in ihrem Repertoire gehabt.

Und ich beginne zu ahnen,
warum ich so viele Jahre keine Lieder hatte
und bis vor Kurzem am liebsten nur
auf Griechisch oder auf Ladino sang.

Ein junger Mann, nein mehrere,
beauftragen mich, ihnen
beim Ordnen der Hinterlassenschaft
ihrer Schwester, Frau, Freundin zu helfen.

Ich nehme ein Porträtfoto in die Hand,
Mir scheint, ich habe sie wohl beiläufig gekannt.
Eine Kommilitonin vielleicht.

Eine der Sachen, die ich zu ordnen habe,
ist sie selbst, oder besser: ihr Leichnam.

Um ihn wegzuräumen, lege ich ihn mir
auf den Rücken. Unser beider
Schulterblätter schmiegen sich aneinander.
Die Tote, vollkommen entspannt, passt sich
meinen Bewegungen widerstandslos an.

Nun kommen Gäste. Ich stelle mich ihnen vor,
sage meinen Namen, einmal, zweimal, dreimal.
Eine Frau kommt direkt auf mich zu.

Als ich „Björg Volquardsen“ zu ihr sage,
erkenne ich die Verstorbene.

Ich öffne meine Arme und, als wir uns berühren,
fließen wir ineinander über. Ich bin bereit,
bereit, sie mit allen Konsequenzen in mir aufzunehmen,
und gehe dabei in etwas anderes über.

Jetzt trage ich sie in mir, sie lebt
zwischen all den ungeschriebenen Zeilen,
von denen ich gerade eine vollenden will.

 

 

Linsenfutter

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