Craquelé II

Unter uns knirschen ein paar gestrandete Muschelschalen und Massen von Weltkriegsschutt, ganze Uferwälle aus den Trümmern der Operation Gomorrha, halb lagernd, halb schwimmend im Treibsand, ein in der Sonne rot glühender Streuselkuchen aus Scherben, Schlick und Backsteinbruch. Backsteinbruch.

Vorsichtig setzen wir nach dem Einsetzen der Ebbe Schritt vor Schritt, denn aus der Masse ragen metallische Gerippe, Armierungseisen, Heizkörper, zerteilte Badewannen und immer wieder Spieren aus Blei, sich im Winde wiegende Wasserrohre, kinetische Installationen einer unfreiwilligen Moderne. Moderne.

Dazwischen leuchten Bruchstücke glasierter und exotisch gemusterter Fliesen aus Bad, Küche, Treppenhaus, wohl wegen der Hitze des Feuersturms durchzogen von Netzen feinster Risse, Oberflächen- und Tiefenbrüche, Miniaturen seismischer Gewalt. Gewalt.

Widerstanden hatten vor allem die Wülste, Kloschüsselränder, Flaschenböden und -hälse, Stielansätze von Gläsern und die gedrungenen keramischen Röhren elektrischer Sicherungen. Durchgebrannt müssen die Sicherungen unserer Vorfahren gewesen sein. Ein Motorboot fährt vorbei. Zorn brandet auf. Zorn.

Doch der legt sich gleich wieder, niedergedrückt wie dieser entschlafene Riese unter dem Deichfuß, geschleift und von den kurzen Wellen der Elbe geschliffen. Aber immer noch stark genug, die Gerinnsel der Uferböschung abzuleiten und Kleinmeister Sand an seinem Treiben zu hindern, gemeinsam auf dem Weg zur Sedimentation. Sedimentation.

Am Abend breiten wir unsere Fundstücke aus. Eine Sammlung aus Glas und Glasiertem scheinbar mit eingebrannter Schrift. Eine erste Leseübung ergibt Zufallsmuster, Signaturen abrupter Temperatursprünge. Die Imagination sieht in jeder Scherbe den Linienplan eines fremden Gemeinwesens. Gemeinwesen.

Lebensadern, Knoten, Ringe, Zonen, Ausläufer und Schnittstellen. Bezugspunkte und Verbindungen für akribisch eingehaltene Höllenfahrpläne. Fremd ihr Sinn, erkennbar einzig die Physik der Brüche und der Trost, dass Glanz und Gloria nicht mehr sind als Vorbereitung für einen Verfall in Schönheit. Schönheit.

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11 Kommentare
  1. Mein Erleben mit deinem Text :

    Gewölle kotzt die Flut

    aus Seilschaften und

    Plastiksicherheitshelmen

    aus dem Schlund

    der Meerkatze ein

    Seehund ohne Leben

    Augenhöhlen picken

    Möven aus Zorn peitscht

    Sand erschöpft sich nie

    strandet die Schönheit

    der Gezeiten Gewissheit

    Gefällt 3 Personen

    • Und Sand erschöpft sich doch, liebe Hanna, zu Staub und Feinerem. Alles erschöpft sich. Deshalb mag es weise sein, Schnittblumen zu lieben. Schnittblumen.

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  2. Ich war auch ganz überrascht, was dieses Erlebnis an poetischer Energie ausgelöst hat. Ich verdanke es der Begegnung mit Dagmar Nettelmann-Schuldt, die die Relikte für ganz überraschende Neukreationen nutzt.

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  3. Wie eigenartig prosaisch-poetisch. Dieser Text fesselt mich mit seiner Schönheit, die er gerade aus den gräßlichen Artefakten der Gewalt zieht.

    Gefällt 1 Person

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