Nur ein bisschen vorstellen

Vertrieben von Elend und Gewalt
kommen Menschen, die nicht verstehen,
warum hier so viele festsitzen und
jeder am Ende mit drei Handvoll Erde sich abfindet,

die uns nicht verstehen, uns als

– Perspektivlose, die
nichts achten, außer dem Moment,
in dem sie ihren Durst stillen, atmen oder
ihren Schmerz vergessen,

– Aufbraucher, die
nur noch ein bisschen, ein bisschen noch
sehen wollen, wie der Tag kommt.
Er kommt doch?

– Strukturlose, die
nichts weitergeben als Unglaube und
das Staunen nicht mehr wiederfinden
hinter dem Zaun,

– Freudlose, die
nur im Rausch noch etwas finden, und
ihre Gläser nicht loslassen, solange
kein Wunder geschieht, und,

wenn es geschieht, nicht mehr wach sind,

während die anderen uns
vielleicht eher sehen als

Abgebrühte, die
mit der Knolle in der Hand sich ungeduldig
aneinander reiben, bis das Begehren erlischt, und
nein sagen zu einem Kind,

und mich erkennen als

den, der vom Teilen spricht,
und seinen Vorteil meint, der
die Tatsachen – gibt’s die? – verdreht
und sich als Opfer stilisiert,

aber schlage ich nicht,
wenn du verloren mich anschaust,
schamvoll die Augen nieder, heimlich froh,
zumindest ein starkes Gefühl zu haben?

Verstehst du?
Wir sind die, die sich schämen,
wir, wir zwei, drei
oder alle?

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4 Kommentare
  1. hannascotti sagte:

    Lieber Björg,schämen muß ich mich dann, wenn ich zu denen gehöre, die in diesem Gedicht beschrieben werden.
    Schämen für Bürger, die in diesem Gedicht vorkommen, will ich mich nicht.( Fremdschämen)
    Bewältigen kann ich das nur, indem ich meine eigenen Handlungen mit wachem Blick betrachte,
    ändere, was zu ändern ist und konsequent und klar meine Ansichten und Handlungen auch nach außen
    vertrete und sie gegebenfalls gewaltfrei zur Diskussion stelle.
    Meine Liebe und mein Respekt gilt insbesondere allem was lebt, aber auch den Dingen, die sich
    nicht wehren können.
    Ich bin eine zufriedene Menschin, die ihre ganz persönlichen Einlassungen zu diesem Thema
    respektiert, aber auch die Suche und die Fehler, die dabei geschehen können, achtet.

    „Kollektive Schuld“ und die „Scham“ darüber lehne ich konsequent ab. Überhaupt sind die Begriffe „Schuld“
    und „Scham“ für mich sehr interpretationsbedürftig.
    An einen oder mehrere Götter glaube ich nicht.

    Ich find mich in deinem Gedicht nicht wieder.

    Was meinst du zu meiner „Einlassung“ hier, lieber Björg?
    Gibt es vielleicht auch noch andere Literaten hier, die eine Meinung haben? Reicht euch wirklich ein „like“?
    Immer wieder bin ich erstaunt, wie selten sich unsere sogenannten Promis, besonders auch aus der Literaturszene
    dazu äußern.
    Ich danke dir sehr, Björg, dass du diesen Text für eine öffentliche Stellungnahme zur Verfügung stellst.

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Hanna, was du über deine Liebe und deinen Respekt sagst, finde ich sehr anrührend. Ich teile es voll und ganz.
      Ansonsten musst du dich nicht in dem Gedicht wiederfinden. Es ist ein Versuch über die Scham, genauer, die geteilte Scham. Gibt es sowas? Ich bin jedenfalls nicht ohne Scham. Und ich bin respektvoll gegenüber denen, die dieses Gefühl – vielleicht das stärkste überhaupt – empfinden. Ich kann es in gewissen Grenzen teilen: Plötzlich wird offenbar, dass etwas, das ich mir zu Eigen gemacht habe, falsch, dumm, lächerlich oder sogar verbrecherisch ist. Ich brauche keinen Gott, um dann im Boden versinken zu wollen. Und mein Niederschlagen der Augen signalisiert, dass ich es erkannt habe. Wenn dies so ist, dann kann ich in der Rolle dessen, der keine Scham empfindet, vielleicht denjenigen, der mir so entgegentritt, davon erlösen, indem ich verzeihe.
      Es gibt natürlich auch jene Scham, die mit öffentlicher Bloßstellung verbunden ist, Ich erlebe, dass ich aus einer Gemeinschaft verstoßen werde und übernehme den Blickwinkel derer, die mich verstoßen: Ich fühle mich nichtswürdig, aber vielleicht nur, weil ich selbst keinen Kompass in mir habe. Ich vermute, dass diese Scham nur die kleine Schwester der großen plötzlichen Selbstverachtung ist, die mich überkommt, wenn ich erkenne, dass ich ein anderer bin, der mir nicht gefällt. Aber warum bin ich so sicher, einen Kompass in mir zu haben, sodass ich beides unterscheiden kann? Und wenn es nun zu einem Polwechsel kommt?
      Ich glaube, diese Fragen sind eine Fortsetzung aus „Enigma“. Und ich bin ziemlich sicher, dass es sich lohnt, hier mit dem Mittel der Kunst zum Beispiel über diese Kommentarfunktion nach Erkenntnis zu suchen und nicht nur einen kunstvollen Taschenspielertrick vorzuführen.

      Gefällt mir

      • hannascotti sagte:

        Oh ja, ich teile alles, was du hier geantwortrt hast. Scham ist meine kleine Schwester, vielleicht sind Mädchen dafür auch besonders empfänglich.
        Ich bin froh, in dir einen Mann zu „kennen“, der offen zu diesem Gefühl steht.
        Ich wehrte mich als Leserin einfach nur gegen den Kontext, in den du dieses Gefühl stellst.
        Und, natürlich muß ich mich nicht in jedem deiner Gedichte wiederfinden, aber über den Inhalt denke ich immer wieder gerne nach und fühle Resonanzen in mir, die nicht immer konform sind.
        Das belebt…
        einen schönen Abend noch.

        Gefällt mir

        • hannascotti sagte:

          Guten Morgen Björg.
          Nach einigem Grübeln fand ich eine Erklärung für meinen emotionalen Ausbruch:

          Ich empfinde dein Gedicht als sehr christlich geprägt.
          Mein Umgang mit diesen Themen hat immer eine Prägung von ZEN.
          Dort heißt es, und ich glaube zutiefst daran:

          Übernimm die volle Verantwortung für deine Handlungen und der Begriff von Schuld
          löst sich auf.

          Und dazu:

          Vergeben zu können bedeutet Heilung aller Herzen.

          Liebe Grüße

          Gefällt mir

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