Warum Sternenzacken?

Eine Betrachtung aus der Wortwerkstatt

meinem lieben Ole gewidmet

In aller Kürze gesagt handelt es sich bei dem Gedicht „Sternenzacken“ um einen romantischen Versuch in Unromantik. Und so kam es dazu: Zweifellos sentimental, „romantisch“ im landläufigen Sinne, war der erste Einfall vom Vortag. Ich bemerkte beim Anschauen einer Amaryllis, es mache mich furchtbar traurig, dass diese ihre eigene Schönheit nicht sehen könne, weil sie ja keine Augen hätte. Erst fand ich den Einfall gut, dann aber wurde mir klar, welche Hybris darin besteht, einem Lebewesen die Fähigkeit abzusprechen, sich selbst schön zu finden. Wer war ich denn? Und welche Folgen hätte diese sentimentale Feststellung für mein Leben, wenn ich sie ernst nähme? Ich würde Wunder schlechthin leugnen. Wie armselig.

Also machte ich mich auf den Weg der Selbstdistanzierung: „Ich“ wurde zu „der“ und schon ließ sich aus dessen Warte trefflich über die Lieblosigkeit der Welt lamentieren. Doch mit diesem Kunstgriff konnte ich natürlich nicht zufrieden sein. Ich musste die Position ironisieren. Damit der Leser erkennt, dass das Geschriebene nicht das letzte Wort sein kann, griff ich nach den Sternen. Es ist wie ein Zauber: Das lyrische „der“ darf seine Liebesfähigkeit, wenn auch unter einer äußerst unrealistischen Voraussetzung, „retten“. Es muss nur einen der mal wieder überhand nehmenden Sternenzacken packen und sich diesen in die Brust rammen.

Mit der Selbsttötung des unromantischen Realisten schafft dieser seine eigene ungläubige Haltung aus der Welt. Alles ist gut, oder? Nein. Also versuchte ich es noch mal in etwas kleinerem Geld zu sagen:

Damit meine einzige Hauptfigur als sentimentaler Restromantiker weitermachen kann, dachte ich mir für sie eine Alternative aus. Sie darf sich nun probehandelnd in eine besonders vertrackte Situation einfühlen, z.B. die über den letzten liebenden Atemzug entscheidende Frage, ob’s noch die Nachtigall sei oder schon die Lerche. Und tatsächlich, es scheint zu klappen: Nun kann sie zumindest weiter an die große Liebe glauben, als Möglichkeit zwar nur, wenn auch mit tödlichem Ausgang für die Kunstfiguren. Das ist übrigens gelebte Praxis unter Realisten und muss daher in der Dichtung nicht unbedingt angesprochen werden. Also ließ ich es und entwich – Zack! – in den Unernst einer parodistischen Zuspitzung. Und was eignete sich besser hierfür als das vielbesungene Pathos des an der Liebe Zugrundegehenden?

Doch im Ernst: Ich lyrisches Ich, und der Leser hoffentlich mit mir, zahle sogar in noch kleinerer Münze und behaupte, anstelle von Sternenzacken in der Brust, glaubte ich an Blumen mit seherischer Fähigkeit.

 

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