Poetry Ranking

Der Lyrikstapel neben meinem Bett wächst.
Ich lege die Bücher nicht ins Regal,
weil mir das Spiel gefällt, jeden Abend
einen neuen Spitzenreiter zu bestimmen,
der nach dem Zuklappen der Buchdeckel
obenauf zu liegen kommt.

Seit acht Wochen erringt Emily Dickinsons
Gesamtwerk stets von Neuem diesen Titel.
Allein die pure Zahl ihrer 1789 Gedichte verdrängt
jede Konkurrenz auf Jahre, von ihrem Zauber
ganz zu schweigen,
verbietet sich jedoch.

Gestern allerdings –
seit gestern hat sie mit
„Im Verborgenen“,
neu und erstübersetzten Versen
von Konstantinos Kavafis
einen starken Rivalen bekommen.

Natürlich, die Neugier des schnellen Lesers
auf die seelischen Abgründe
wird rasch befriedigt sein, besteht doch
ein Großteil des dünnen Bändchens
aus Illustrationen von Anja Nolte, die
Kavafis zu unserem Zeitgenossen machen.

Aber das wahre Fundstück sind die
in der Fußnote angeführten
Originaltexte.
Sie laut vor mich hin zu lesen,
bis ich die Übersetzung nicht mehr brauche,
ist eine Freude, vergleichbar Dickinsons englischer Sprachmusik.

Darum habe ich den Stapel nun geteilt und
beiden Helden einen Spitzenplatz zugewiesen.
Ein drittes Türmchen krönt zudem Hanna Scottis Sissipha.
Ich schätze ihre Dichtung, las sie länger schon
auf ihrem Blog, genoss, dass sie auch meinen las
und mich ermutigte zur Wortwut.

Heute morgen aber legte ich mein Streichelbuch
zuoberst, direkt auf den bäuchlings aufgesperrten
Kavafis, und murmelte: Heute legte ich zuoberst –
heute, ich, zuoberst. Liegend nahm ich also
mein Buch zur Hand und schrieb: Zuoberst auf dem Stapel…
schrieb und schrieb:

Die Liebe ist kein Gegenstand,

ebenso wenig wie ein Zweck an sich, schreibe ich,
oder wie die Wahrheit, ach Kurzeck,
du sagst es, ein Jahrhundert!
Wer versucht, über sie die Wahrheit zu sagen,
könnte auch gleich anfangen, über die Wahrheit
die Wahrheit zu sagen.

Er strandete dann bei: a gleich a. – Aha?
Was also, Liebe, kann ich tun
dich zu erkennen? Mich kundig machen?
Techniken erproben? Kaskaden, Kadenzen?
Da kommt mir eine Idee: Sie ist mehr als kein Gegenstand!
Die Liebe ist überhaupt der Anti-Gegenstand.

Sie tritt allem Gegenständlichen entgegen
und löst die Grenzen auf. Ein Zauber, den
es täglich neu auf eine Formel
zu bringen gilt, damit er nicht
zum Spruch verkommt. Poetik pur.
Und nun zurück zu dir,

Kavafis, ich befreie dich
aus deiner unnatürlichen Lage,
aus deinem Korsett an meinem Bett.
Denn du weißt mehr davon.

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6 Kommentare
  1. hannascotti sagte:

    Etwas Rot hinter die Ohren getupft reblogge ich das mal. Dabei bist du doch eigentlich kein Schmeichler, aber sicher ein …. ach, ich weiß nicht genau was….
    Aber quorkenzieher sagte es schon: Löst Liebe die Grenzen auf, so liebt man alles (lach)
    Aber zum Glück sind wir beide, so glaube ich zumindest, in einem düsteren Winkelchen unseres Seins immer noch unheilig genug, um mit Lust zu kritteln.
    In meinem Schatzkästchen liegt übrigens zur Zeit „Arthur Nickel“ zu oberst.

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  2. quorkenzieher sagte:

    Löst Liebe die Grenzen auf, so liebt man alles.

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  3. Ja, einen Spitzenreiter zu bestimmen ist toll…
    Bei mir steht er immer ganz vorne im Regal… 🙂
    Und wechselt jede Woche neu…

    Liebe Grüße,
    Lettercastle

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