Gedichte schreiben, so geht‘s

Achte auf den Unsinn.
Etwas spricht in dir, unentwegt.
Lausche ihm etwas ab,
das nirgends hin gehört,
keinen Ursprung und keinen Zusammenhang hat
und sich auf nichts zu richten scheint.

Warte! Es kann auch ganz ohne Bedeutung sein,
ein „Milzana towna, helibet“ zum Beispiel,
aber lassen wir für den Anfang
die konkrete Poesie beiseite,
denn wie kämen wir von hier
zum nächsten Vers?

Wie wär‘s mit:
Kellerzahn schnitt Gerstenbrot“?
Das ist doch leicht! Und weiter:
Schwarzer Schmelz und Scheibenschrei“!
Was war das jetzt?
Der Sinn schleicht sich ein.
Und hier beginnt die Arbeit:
Was macht der Kellerzahn da unten, fragst du dich.
Bereitet der Untermieter sein Frühstück?
Und ist nicht Gerstenbrot nur eine Chiffre für Hopfen und Malz?
Und wenn schon die Scheiben eigentlich Schlückchen sind,
kann da aus der Kehle nicht auch ein Schrei kommen?

Was ist da los, fragst du dich,
und bist schon mitten in der poetischen Produktionsmaschine.
Mit dem einheitlichen Versmaß liegst du schon gut.
Doch nun fragt sich, bist du schon reif für den Reim?
Mit viermal „sch“ im zweiten Vers
hast du dich eigentlich schon für die Alliteration entschieden.
Mehr Reim wäre grotesk, aber warum nicht?
Die Regeln gibst du ja selber vor.

Lasse dich jetzt erst mal von den Bildern leiten:
Dort ist ein fremdes Haus, von dem du wenig weißt,
Und wie ist es dort?
Heute leidet keiner Not,
Honig gibt‘s und Hirsebrei
“.
Doch, oh Wunder,
jetzt bist du bei einer echten Aussage gelandet:
Ein blaubärtiger Gastgeber lädt zu Tisch.
Aber was kommt als nächstes? Schreib‘s auf!
Styopor auf die Scheibe gerieben,
das ist der Scheibenschrei.
Hundert Löffel klopften laut:
Jetzt wird etwas klar:
‚Kellerzahn‘ ist der Spitznahme eines Vollzugsbeamten.
Lass uns hier jetzt endlich raus!
Kellerzahn hat weg geschaut
Feierabend, ab nach Haus‘.

So, und jetzt hast du eine Geschichte:
Kellerzahn, der verleugnet etwas,
und das wird ihm nicht gut tun.
Mal sehen was passiert:
Kaum angekommen, schnappt ein Schloss.
Mann, der schließt sich selber an,
glaubt, er sei sein eig‘ner Boss.
Kellerzahn, welch heller Wahn!“

Und noch einmal zum Mitsingen:

Milzana towna, helibet

Kellerzahn schnitt Gerstenbrot.
Schwarzer Schmelz und Scheibenschrei.
Heute leidet keiner Not,
Honig gibt‘s und Hirsebrei.

Hundert Löffel klopften laut:
Lass uns hier jetzt endlich raus!
Kellerzahn hat weg geschaut.
Feierabend, ab nach Haus.

Kaum angekommen, schnappt ein Schloss.
Mann, der schließt sich selber an,
glaubt, er sei sein eig‘ner Boss.
Kellerzahn, welch heller Wahn!

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4 Kommentare
  1. Diesen Blick in des Texters Werkstatt finde ich unterhaltsam zu lesen – und durchaus poetisch. So läuft das bei deinem lyrischen Ich? 🙄

    Gefällt mir

    • Danke. Unterhaltsam ist ja bei der Poesie nicht immer leicht. Erfordert halt ein Stück Selbstdistanzierung wie vorgeführt. Ja, so läuft das. Nur, das Ich, wenn es sich denn äußert, gehört mit zum Ergebnis des Prozesses. Probier doch mal, ob’s bei dir auch geht!

      Gefällt mir

      • Die Selbstdistanzierung geht bei mir den Weg über Wahnsinnsmindmaps, Ordnen und Streichen. Das Ich als Quelle und Ziel ist Teil eines dauernden Kreislaufs beim Schreiben, glaube ich.
        Klingt mehr nach Arbeit, bei dir mehr nach Tanz.

        Gefällt 1 Person

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