Ich einsetzen – auch bei Sibylle Lewitscharoff?

Lyrik ist Kunst zwischen Ich und Du, und manchmal auch Euch. Intimes, Rätselhaftes, Berührendes verknüpft sich mit dem Anspruch, verstanden zu werden. So jedenfalls sehe ich einen wesentlichen Aspekt meiner lyrischen Arbeit und habe dafür den Ausdruck „ich einsetzen“ geprägt. Es ist an der Zeit, dass ich diese Poetik weiter ausformuliere. Und vielleicht kann dieser Text einen Beitrag dazu leisten.

Ein Pol meiner Lyrik ist die Gesellschaft, im Kern: ich als Autor meiner Gedichte und ihr anderen da draußen, z.B. hier in diesem Bog – wir alle. Der andere Pol ist das lyrische Ich, von dem hier weniger die Rede sein wird. Ich wechsle mit diesem Text bewusst die Gattung, gehe zur essayistischen, verkopften, thesenorientierten Schreibe über, und ich tue dies, um in diesem Zwischenreich Gesellschaft, in dem ich nicht allein über die Regeln verfügen kann, ein paar mir notwendig scheinende Grenzen zu ziehen. Anlass ist Sybille Lewitscharoffs Dresdner Rede über Geburt und Tod vom 2. März 2014, die mit großer Erregung und Verachtung für die Autorin in vielen Medien und Blogs quittiert wurde. Inzwischen haben sich die Gemüter nach zwar wieder beruhigt, aber meine Finger liegen immer noch zappelig auf der Tastatur, weil sich da an der Schnittstelle zwischen Gefühl und Gedanke, meinem Arbeitsfeld – etwas verschoben hat.

Die Eingangsfrage ist nicht neu: Sie erkundigt sich danach, wie du, empfindsamer Mensch, es mit der Verantwortung zu halten gedenkst. Und sie richtet sich damit bevorzugt an die kreativen Kollegen: Wie kann es dazu kommen, dass ein von mir wegen seiner Arbeit respektierter Künstler, öffentlich menschenverachtende Positionen äußert? Bei Emil Nolde oder Ezra Pound mag das mit dem historischen Abstand leichter sein, Künstler und politische Person zu unterscheiden, ich würde dennoch nicht dazu anraten. Aber bei einer Zeitgenossin wie Sibylle Lewitscharoff müsste ein Verstehen, ein Dialog im Geiste doch immerhin möglich sein.

Angesichts der Reaktionen auf Lewitscharoffs Rede frage ich mich, ob sich das Einfühlen in ihrem Falle lohnt. Es ist ja immer auch mit Anstrengung verbunden. Presse und Blogger sind sich einig über die Gefährlichkeit ihrer Worte, während sie an ihrer Position festhält, dass die „Selbstermächtigung“ der Frauen, Kinder ohne Männer aufzuziehen, eine Katastrophe sei. Die Gelegenheit zum Dialog scheint damit verbaut, das Einfühlen müßig.

Doch gehöre ich zur Meute? Ich habe also ihre Rede zunächst einmal selbst gelesen und das „tropfenweise verabreichte Gift“, wie es Robert Koall, Dramaturg am Schauspielhaus Dresden formuliert, in mich aufgenommen. Möge es homöopathisch wirken!

Schon beginne ich, mich zu quälen und mit ihren Thesen zu ringen: Sie kritisiert die Selbstermächtigung, denke ich, führt dabei aber den Stoß gegen die Selbstbestimmung. Ihr Schwert heißt Abscheu. Mit ihm will sie den Mann aus der Schmollecke der Reproduktionsmedizin vertreiben. Was ist eigentlich daran eklig, dass er dort unbeobachtet Hand an sich legt, um ein wenig Sperma für die Reproduktionsmedizin freizusetzen? Ja, es mag bedenklich sein, was alles mit den Millionen Spermatozoen angestellt werden könnte. Lewitscharoff aber packt das Problem, wie sie wohl meint, an der Wurzel (sic!) und findet das biblische Onanieverbot geradezu „weise“ angesichts der beschriebenen Praxis. Ich bin geneigt zu fragen, was sie denn sonst noch an vortestamentarischen Verboten für angeraten hält. Doch Vorsicht mit der Polemik!

Wirkt das Gift? Gewiss, da wäre die Leihmutterschaft. Sie ist als Form der Ausbeutung gewiss eine „grauenerregende“ Praxis. Und das selektive Angebot von Spermien per Katalog, ist gewiss auch verabscheuenswürdig, nicht nur wegen der Folgen für die Kinder, sondern auch für eine Gesellschaft, der ihre Vielfalt abhandenkommt. Und die psychische Not des Wunschkindes, dem es nicht gelingt, die in es gesetzten Hoffnungen zu erfüllen, und das nebenbei von seiner fraglichen biologischen Herkunft erfährt, ist nicht zu unterschätzen. All dies lässt sich zusammenfassen unter der Überschrift: Die Absicht, das Glück technisch herstellen zu wollen, steht diesem oftmals im Wege. Und doch: Sollen wir unsere Wünsche nicht verfolgen?

Kritisch scheint mir weniger die darin liegende „Selbstermächtigung“; problematisch sind vielmehr die Praktiken der Vermarktung des Machbaren im Hinblick auf Leben und Tod. Hierbei übernimmt ein hocheffizienter, über das anonyme Medium Geld gesteuerter Mechanismus die Regie. Die Vernunft weicht dem prosperierenden Kalkül mit dem Lebens(un)werten. Der Markt, das zeigt sich nicht nur hier, muss reguliert werden, um die Teilnehmer zu schützen und dauerhaft funktionieren zu können. Ich meine, dies ist machbar und sinnvollerweise zu fordern. Allerdings kann ich verstehen, dass unsereinem angesichts der zunehmenden technischen Möglichkeiten, zu Beispiel auch in der digitalen Kommunikation und bei ihrer Überwachung schwindlig wird. Sollen wir deshalb bestimmte Techniken als solche ablehnen? Ja, auch diese Frage ist diskussionswürdig.

Ein stückweit (so spricht der politische Pragmatiker) gehe ich daher die Dialektik mit, die Lewitscharoff hier aufmacht: Mit der Freiheit, denke ich, wächst auch die Not der Entscheidung für den einzelnen: die „Qual der Wahl“. Sie ist allerdings auch nicht mehr als ein beliebter Gemeinplatz, der nur Sinn macht, wenn man ihn konkret anwendet: Ich frage also: Was muss eine Frau beschäftigen, die sich bewusst für das Austragen eines behinderten Kindes entscheidet? Muss sie damit rechnen, dass ihr später die Hilfe verweigert wird mit dem Hinweis, sie habe ja abtreiben können? Lewitscharoff zeichnet das Bild einer „scheeläugigen“ Gesellschaft, aber leider bezieht sie hier nicht klar Position. Ich will es an ihrer Stelle tun: Die Verweigerung der Hilfeleistung ist tatsächlich denjenigen anzulasten, die von dem, was sie für ihr gutes Leben halten, nichts abgeben wollen. Zu einem guten Leben, und auch dafür möchte ich ausdrücklich eintreten, gehört eine Kultur des Mitempfindens. Und ich halte es für angeraten, diese z.B. im gemischten Unterricht frühzeitig zu üben. Mitempfinden ist wichtig, um moralisch handeln zu können. Hier kommen Ästhetik und Ethik zusammen. Darin beides zusammenzubringen sehe ich außerdem ein wichtiges Motiv meiner poetischen Arbeit – allerdings nicht zu verwechseln mit dem Kitsch des Guten und Schönen.

Auch Lewitscharoff bringt Ethik und Ästhetik zusammen – allerdings in fataler Weise: Sie macht ästhetische Urteile über Abscheu und Ekel zum moralischen Maßstab. Eine Poetik (und eine Moral) des Mitempfindens verschließt sich hingegen nicht vor der Verletzlichkeit und damit den hässlichen Seiten des Lebens. Um ihretwillen gilt es vielmehr den Abscheu zu überwinden, hinzuschauen und „hinzulesen“, was geschieht, und für empfindsame Wesen Stellung zu beziehen.

Deshalb ist Mitempfinden ein wichtiges Prinzip des Lesens. Ich setze es z.B. auch bei Lewitscharoffs Redemanuskript an und nehme als Mitempfindender grundsätzlich an, mit den Wertungen und Geltungsansprüchen des Textes übereinstimmen zu können und gehe gnädig mit Verirrungen um. Schließlich kenne ich die Verlockung nur zu gut, verliebt in die eigene Fabulierkunst, Paradoxien aufzubauen, Strohpuppen zu zerfetzen und Abgründe auf das Pflaster zu malen, um anschließend leichtfüßig darüber hinwegzugehen. Und Lewitscharoff macht es mir am Anfang leicht, mitzugehen. Von ihrer Schilderung der Todesarten ihrer Angehörigen bin ich gerührt. Und ich billige ihr sogar ihre persönliche Abscheu angesichts des onanierenden Mannes zu und möchte ganz allgemein ihre Emotionalität würdigen.

Mein Verständnis endet jedoch, wo Lewitscharoff daraus eine Grundsatzfrage macht und aus dem persönlichen Ekel das „Verabscheuenswürdige“ konstruiert. Sie erliegt damit – so meine Diagnose – einer Neigung vieler Experten: Sie überträgt ihren Sachverstand, den sie gewiss auf dem Feld des ästhetischen Urteilens besitzt, in den Bereich des moralischen Urteilens. Hinzu kommt, dass für die Kategorie des Normativen, anders als beim deskriptiven Beschreiben der Welt ein Expertentum generell fragwürdig ist. Eine solche normative Frage, die wir uns hier stellen sollten, lautet folgendermaßen: Wie sollen Kinder aufwachsen? Sie zu beantworten, erfordert es, den Blick von dem Verabscheuungswürdigen weg auf die Verletzlichkeit der Existenz zu richten. Es ist, so meine These, nicht die zweifelhafte biologische Herkunft, die traumatisierend wirkt, sondern die Gewalt, die ein Kind erlebt, ohne sich ihr entziehen zu können. Ihr gilt es, Herr bzw. Frau zu werden.

Um noch einmal zu Lewitscharoff zurückzukehren: Bei der Bewertung der Gewalt in der Welt sehe ich durchaus einen ästhetischen Aspekt: Ihr Ausmaß rechtfertigt m.E. sogar eine starke negative Emotion: das Entsetzen. Aber dieses bewegt mich nicht, voller Abscheu wegzuschauen. Es ist zu spät, scheu zu werden. Die Gewalt tritt mir – durchaus auch ganz persönlich – viel zu nah.

Ich weiß, hier ersetze ich ein ernstes Thema durch ein noch ernsteres. Und es ist durchaus fraglich, ob es hier noch viel zu hoffen gibt. Jedenfalls besteht, um nicht zu verzweifeln, nicht die Möglichkeit der Rückkehr zu alten Gewissheiten. Großmutters Frömmigkeit hilft gewisslich nicht, und tat sie es je? Das Unverfügbare ist die Hiobsbotschaft, die inzwischen bar jeder Verheißung bei uns angekommen ist. Doch du lernst es nicht kennen, raune ich mir als Ermutigung zu, bevor du deine Mittel nicht erschöpft hast.

Damit bleibt das Unverfügbare transzendent. Und wer meint, über diese Grenze schreiten zu können, begeht eine Selbstermächtigung höherer Ordnung. Wenn er außerdem, was er daraus ableitet, anderen vorschreiben will, darf er zu Recht als Fundamentalist gelten. Dies ist eine weitere Grenze neben der zwischen ästhetischer Expertise und moralischer Autorität, die zu ziehen ich auch Ihnen, liebe Frau Lewitscharoff, anraten möchte. Soviel zum Frieden und übrigens als Angebot zum Dialog.

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4 Kommentare
  1. Danke liebe Diana, und auch Ihnen verehrte Frau Knobloch sowie liebe Nandalya!
    Ich weiß nicht, ob ich Respekt wünsche, oder doch ja, auch… Vielmehr aber erhoffe ich Teilnahme in einem zärtlichen Ringen um eine Welt, in der verletzliche Wesen voller Zutrauen und ohne Heldentum wachsen, gehen und empfinden lernen, wo sie zu sich und zueinander finden können. – In einem Ringen um das richtige Wort …

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  2. da sag ich auch mal – respekt für diesen text – und danke!

    und diese these:

    „Es ist, so meine These, nicht die zweifelhafte biologische Herkunft, die traumatisierend wirkt, sondern die Gewalt, die ein Kind erlebt, ohne sich ihr entziehen zu können. Ihr gilt es, Herr bzw. Frau zu werden.“

    unterschreib ich voll und ganz.

    es scheint für viele immer noch akzeptabler zu sein, dass ein kind in einem gewalttätigem, aber sogenannten „normalen“ (mutter-vater-kind-konstellation) umfeld aufwächst, als dass es allein – oder gar von zwei frauen oder zwei männern (in liebevoller fürsorge) großgezogen wird.
    traurig das, bitter das!

    mit herzlichem gruß
    diana

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  3. Sie haben meinen vollsten Respekt, daß Sie sich so ausführlich mit der Thematik auseinandersetzten. Ich vermochte das nicht, zu sehr stieg Galle in mir hoch. Dann lieber Meutemitglied ausnahmsweise. Jetzt lese ich hier, was ich nie und nimmer hätte formulieren können und wiederhole: Vollster Respekt, Herr Volquardsen. Herzlichst, Ihre Frau Knobloch.

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