Bilanz vs. Balance

Sanft wedelt der Tang
am Grunde im Strom.
Dort trocknen die Toten
Hemden und Hosen.

Trüb wechselt der Schein
dasselbe in Grün.
Schon lachen die Bahren
lustig und lose.

Zart streichelt die Hand
die Vase, den Halm.
Es welken die Blüten,
Stile und Moden.

Matt wienert der Mann
die Bordwand am Bug.
Dort blättert die Farbe
Lage für Lage.

Schwer liest sich das Buch
mein Leben auf Zeit
von hinten nach vorn und
Seite um Seite.

Komm, ruft er die Alte,
die Reise geht los!
Wir reiten den Sturm ab,
Welle um Welle.

Da packt sie ihr Buch
„Leihgabe Leben“,
ein Blatt blieb leer noch,
und reißt es heraus.

[Überarbeitung erfolgte dank des wunderbar ausbalancierten Kommentars von lakritze und der Nachfrage von Tee4Free. Danke!]

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15 Kommentare
  1. Oh, eine Einladung!
    Mh, larmoyant? Könnte schlimmer sein. Die strenge Form mit dem Refrain in der letzten Zeile verleiht dem Ganzen Leichtigkeit, eine kleine Distanz; das ist zwar Vergänglichkeit, Verfall, aber der malerischen Art. Kleidsame Melancholie. Erst in der allerletzten Strophe wird dieser Bilderbogen (für mich überraschend) unterlaufen; und hier ist es wohl einzig das Wort „Schwer“, das die Bilanz in die roten Zahlen zieht.
    (Fioretos habe ich bislang nicht gelesen. Danke für den Schubs.)

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    • Ich habe mich sehr gefreut, dass und wie Sie meiner Einladung gefolgt sind. „Kleidsame Melancholie“ habe ich mir gleich ans Revers geheftet und mir die letzte Strophe daraufhin noch einmal vorgenommen. Überraschend soll sie ja sein, und rote Zahlen sind ja in Zeiten der Niedrigzinspolitik fast schon einkalkuliert, solange es Kredit gibt. Bis dahin stelle ich einen anderen Text ein, der sich mit der Finanzthematik beschäftigt. Auch da ist übrigens eine Frage angebracht: Ist das Fazit vielleicht zu naiv?

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    • Ich habe mich zu einer kleinen Bearbeitung hinreißen lassen. Vielleicht auch das eine Einladung, z.B. das Rechnen mit dem Schätzen anzureichen.
      Danke für die Anregung!

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      • Lakritze sagte:

        Vom Trocknen, Streicheln, Welken u. dgl. hin zum Packen und Reißen — Sie machen Sachen!
        Ich mag das aus unterschiedlichsten Gründen; einer davon ist das Buch Leihgabe Leben. Ich war mal im Theater, Romeo und Julia wurde gegeben, und wollte eigentlich bloß wissen, wie um Himmelswillen man das noch mal auf die Bühne bringen kann. Gemische Gefühle; aber am Ende, just in der Gruft neben dem toten Romeo erwacht, blättert Julia in der Reclam-Ausgabe des Stücks, zerreißt die letzte Seite und geht. Diese Geste.
        Ein anderer Grund ist, daß man aus ausgerissenen Buchseiten Papierflieger machen kann. Und Schiffe, und Wurfgeschosse.

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      • Lakritze sagte:

        PS: Das doppelte l in der Überschrift macht noch mal neue Interpretationsräume auf …
        PPS: Ist das schon vertont?

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        • Oh,
          danke, liebe L. für Ihren Hinweis! Seltsam, ein „l“ zuviel also. Ich werde es gleich ins Gleichgewicht rücken, um unnötigen Deutungsaufwand überflüssig zu machen.

          Nein, vertont ist es noch nicht. Ich singe zwar recht viel, aber mit der Notierung hapert es leider. Ich könnte es mit einer Audiodatei versuchen… Haben Sie eine bessere Idee?

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      • Lakritze sagte:

        Ich bin Bloggerin, keine Musikerin; daher wäre meine Idee, eine Kleinanzeige auf dem Blog zu schalten. (Außerdem glaube ich an das Gute im Netz.)

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  2. Der wunderbar morbide Charme gefällt mir gut, nur kann ich hier nicht jeder Metapher folgen – was ist z.B. ist mit der Vase gemeint. Hingegen Strophe vier unglaublich starkes Bild! Mehr davon!

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    • Ja, es ist mit den Erklärungen so eine Crux. Ist die Vase überhaupt eine Metapher? Aber wie gesagt, ein Text, an dem ich noch vielleicht hätte arbeiten sollen. Ich denke drüber nach: die Vase, der Halm darin und meine Freue an ihrem Zusammensein und meine Trauer über ihre Vergänglichkeit.
      Auf jeden Fall freut mich, dass du mehr willst. Aber erklären? Ich weiß nicht!

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      • Danke für die Antwort. Du hast natürlich völlig recht, ein Gedicht erklären ist müßig und sinnlos. Ich habe einmal die Kritik bekommen, man könne stimmige Metaphern benutzen, die den Leser oder Zuhörer die Möglichkeit geben, ohne allzu viel Schwierigkeiten, seine ganze eigene persönliche Interpretation zu entwickeln. Bricht man mit einer typischen Metapher riskiere man, so mein Kritiker, dass man den Leser verstört oder gelangweilt zurück läßt, weil der einfach keinen Zugang findet. Das spannende im Spiel mit den Metaphern liegt wahrscheinlich genau in diesem Grenzgang, wie weit man den Leser mitnehmen kann. Aber völlig richtig, mit Erklärbärlyrik sollte es nichts zu tun haben.

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        • Ich freue mich, von dir zu lesen!
          Ja, mit der Metapher ist es ein Grenzgang, nur dass ich nicht weiß, wo hüben. Und drüben eh nicht. Ich folge eher dem Jucken der Bilder und kratze mit dem Griffel mehr heraus. Die Logik, Leiterin der Interpretation, scheint mir dagegen schal und doch, die Wahrheit verdient es vielleicht nicht, dass ich fordere, sie solle auch ihr Gegenteil sein. Paradoxes hält nur halt den Geist wach. Aber ich will darüber nachdenken…

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    • Ich habe noch eine kleine Änderung und am Ende eine Widmung vorgenommen. „Vase“ und „Halm“ werden damit wohl etwas klarer.
      LG
      Björg

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  3. Inzwischen frage ich mich, ob das tatsächlich so schwer, und der Text nicht etwas larmoyant ist. Aris Fioretis hat das ja in die halbe Sonne sehr schön vorgemacht.
    Diesen Kommentar verstehe ich übrigens als Einladung zur kritischen Würdigung auch an andere.

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